Interview mit Christian Felber - Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung

Die Grundbausteine des Ideologiesystems offenlegen

Christian Felber, Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung, hat ein neues Buch veröffentlicht: „This is not Economy – Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaft“. Auf Einladung der ÖDP München stellte er dessen Kerngedanken in einem Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion vor. Die Veranstaltung war nach wenigen Tagen ausverkauft, über 2.000 Kartenanfragen gingen ein. Felber trifft den Nerv unserer Zeit.

  • Herr Felber, was hat Sie motiviert, dieses Buch zu schreiben?

Christian Felber: Die Gemeinwohl-Ökonomie kommt nicht aus der Wirtschaftswissenschaft, sondern sozusagen aus einer ganzheitlicheren Sichtweise und Realitätsnähe. Und anstatt Unterstützung vonseiten der Wirtschaftswissenschaft zu erhalten, kam von ihr sehr viel Kritik und Gegenwind. Das war merkwürdig. Und für mich der Grund, genauer hinzuschauen, was für Glaubenssätze da existieren und wirken.

Allerdings entstand die Gemeinwohl-Ökonomie ja auch schon aus der Wahrnehmung eines eklatanten Widerspruchs zwischen dem Wertesystem der Wirtschaft, das Eigennutzmaximierung, Wettbewerb, Materialismus und BIP-Wachstum in den Mittelpunkt stellt, und dem Wertesystem unserer demokratischen Verfassungen, in dem es um Menschenwürde, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und das Gemeinwohl geht. Früher dachte ich, dieser Widerspruch käme vom real existierenden Kapitalismus, also vom Einfluss der Konzerne und Branchenverbände, aber dann musste ich feststellen, dass das Wertesystem der Wirtschaft aus der Wirtschaftswissenschaft selbst stammt. Beziehungsweise aus einer ganz bestimmten Theorieschule, der sogenannten „Neoklassik“, die sich an den Universitäten durchgesetzt hat. Und die „zufällig“ den herrschenden Kapitalismus legitimiert.

Mein Buch dient dazu, die Grundbausteine dieses Ideologiesystems offenzulegen und damit die Wirtschaftswissenschaft von einem Teil des Problems zu einem Teil der Lösung zu machen. Aktuell studieren allein in Deutschland eine halbe Million Menschen eine Variante der Wirtschaftswissenschaft. Und die erlernen diese Disziplin fast ausschließlich anhand neoklassischer Lehrbücher. Sie lernen nicht nur viel Falsches, sondern werden von den Lehrinhalten auch in ihrer Werteinstellung und Persönlichkeitsentwicklung geprägt: Studien haben ergeben, dass Ökonominnen und Ökonomen überdurchschnittlich egoistisch sind.

  • Was bedeutet der etwas seltsam anmutende Buchtitel „This is not Economy“?

Christian Felber: Als gelernter Sprachwissenschaftler frage ich gerne nach der ursprünglichen Bedeutung von Schlüsselbegriffen. Und dabei bemerkte ich, dass bei den alten Griechen der Begriff „Oikonomia“ so ziemlich das Gegenteil von dem bedeutete, was heute als „Ökonomie“ gelehrt und verbreitet wird. Ziel der „Oikonomia“ war das gute Leben, das Wohl aller Haushaltsmitglieder. Geld und Kapital waren dafür Mittel, aber sie waren kein Selbstzweck.

Ganz im Gegenteil: Aristoteles warnte eindrücklich vor der Umkehrung dieser Relation und prägte den Gegenbegriff „Chrematistiké“: die Kunst des Gelderwerbens und Sich-Bereicherns. „Oikonomia“ bedeutet Gemeinwohl-Ökonomie, „Chrematistiké“ bedeutet Kapitalismus. Nach der Definition von Aristoteles sind also diejenigen, die wirtschaftlichen Erfolg primär anhand von Finanzkennzahlen wie Rendite, Profit und Bruttoinlandsprodukt messen, gar keine Ökonominnen und Ökonomen, sondern Chrematistinnen und Chrematisten. In meinem Buch mache ich auf diesen Etikettenschwindel aufmerksam – deshalb der bewusst irritierende Titel.

  • Wie ist der reißerische Untertitel „Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaften“ zu verstehen?

Christian Felber: Das ist eine Anspielung auf einen der bedeutendsten Wissenschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts: Thomas Samuel Kuhn. Er beschäftigte sich mit der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Er sagt, dass sich in der Wissenschaft Paradigmen abwechseln. Und immer, wenn sich ein Paradigma etabliert hat, dann gibt es für lange Zeit keinen wirklichen Fortschritt, sondern nur ein Feilen und Basteln an Details. Irgendwann bricht dann aber das ganze Annahmen- und Glaubenssystem in sich zusammen und an seine Stelle tritt ein neues Paradigma.

In der Wirtschaftswissenschaft geht es zum einen um die Ablösung eines auf Egoismus basierenden und Wachstum anstrebenden Systems durch ein anderes System, das gutes Leben für alle, ökologisches Gleichgewicht, soziale Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe anstrebt. Zum anderen geht es auch um den Wandel des Selbstverständnisses der Wirtschaftswissenschaft: Sie muss erkennen, dass sie keine Naturwissenschaft ist und kein positivistisches Theorieverständnis haben sollte. Stattdessen muss sie sich als Teil der Sozialwissenschaft verstehen lernen.

Die Wirtschaftswissenschaft ist aktuell eine „Möchtegernphysik“. Dabei untersucht sie gar keine Naturgesetze, sondern die Auswirkungen menschengemachter Regeln. Ihre Erkenntnisse sind also nichts „ewig Gültiges“, sondern nur Momentaufnahmen. Sie gelten allenfalls so lange, wie bestimmte Regeln in Kraft und wie bestimmte Rahmenbedingungen vorhanden sind.

  • Die Sozialwissenschaft ist pluralistisch. Was bedeutet es, wenn die Wirtschaftswissenschaft ebenfalls pluralistisch wird?

Christian Felber: Es gibt dann in der Wirtschaftswissenschaft tatsächlich keine einheitliche Theorie mehr. Zum Glück! Es gibt ja auch keine einheitliche Beziehungstheorie. Beziehungen laufen nicht nach Schema F ab, nicht nach mechanischen Kausalketten, sondern chaotisch und nicht prognostizierbar.

Pluralität in der Wirtschaftswissenschaft bedeutet zunächst einmal, dass es verschiedene Definitionen davon gibt, was Wirtschaft überhaupt sein kann und vor allem sein soll. Aus einer vermeintlich positivistischen Wissenschaft wird dann eine normative. Es gelten keine „zeitlosen Naturgesetze“, sondern alles wird als Menschenwerk erkannt und kann deshalb in verschiedene Richtungen entwickelt werden. Das bringt in die Wirtschaftswissenschaft eine neue Offenheit und Freiheit.

Unserer Gesellschaft kann dann nicht mehr erzählt werden, wirtschaftspolitische Entscheidungen seien „alternativlos“, sondern sie kann dann demokratisch entscheiden, in welche Richtung sich ihre Wirtschaft entwickeln soll. An die Stelle einer „marktkonformen Demokratie“ tritt dann der demokratiekonforme Markt, so wie der Souverän sich ihn wünscht.

  • Welche Rolle spielt die Gemeinwohl-Ökonomie in einer pluralistischen Wirtschaftswissenschaft?

Christian Felber: Sie ist eine von vielen Möglichkeiten, die Wirtschaft zu gestalten. Und wenn sich die Politik für die Gemeinwohl-Ökonomie als Mainstream-Modell entscheiden sollte, dann hätte die Wirtschaftswissenschaft einen neuen Untersuchungsgegenstand. Aber ich bezweifle, dass der Erkenntnisgewinn berauschend sein wird.

Eine positivistische Untersuchung von Märkten halte ich nicht für sinnvoll, weil positive Ergebnisse viel zu unsicher sind, aber das Potenzial haben, die wesentlichen normativen Debatten zu unterlaufen. Beispiele: Mindestlohn, Freihandel, Finanzkrisen. Der Positivismus hat hier normative Fehlentscheidungen zementiert und große Schäden verursacht.

  • Braucht es dann die Wirtschaftswissenschaft überhaupt noch?

Christian Felber: Früher war Wirtschaftswissenschaft gar keine eigenständige Disziplin, sondern sie war Teil der Philosophie, Teil der Ethik. Und das war gut so. Das wäre auch genau der Platz, wo wir die Wirtschaftswissenschaft wieder zuordnen sollten. Denn um es nochmals zu betonen: Die Wirtschaft gehorcht keinen Naturgesetzen, sondern menschengemachten Regeln. Die Wirtschaftswissenschaft sollte deshalb keine positivistische, sondern eine normative Disziplin sein. Ihre zentrale Aufgabe sollte es sein, intensiv darüber nachzudenken, wie die Marktregeln aussehen müssen, damit sie den Forderungen unserer Verfassungen nach Menschenwürde, sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und Demokratie gerecht werden.

Geht man mit einem ganzheitlichen Verständnis an das Thema heran, dann wird z. B. sofort klar, dass die in einem weitverbreiteten Lehrbuch zu findende Definition „Ein Unternehmen ist eine Organisation zur Maximierung von finanziellem Gewinn“ ein ideologischer Fundamentalismus ist, aber keine Wissenschaft. Versteht man Wirtschaftswissenschaft als normative Disziplin, dann wäre zu klären, wie Unternehmen funktionieren könnten und funktionieren sollten. Und genau das stört die heutigen neoklassisch geprägten Ökonomen, weil sie sich einbilden, sie seien Naturwissenschaftler. Das ist aber Illusion. Eine große Selbsttäuschung. Und speziell in der Bildung auch eine groß angelegte Publikumstäuschung.

Herr Felber, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Buchtipp:

Christian Felber

This is not Economy

Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaft

Deuticke, September 2019

304 Seiten, 22.00 Euro

978-3-552-06402-7

Christian Felber

Jahrgang 1972, studierte romanische Philologie und Spanisch als Hauptfächer sowie Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie als Nebenfächer. Seit 1996 ist er als freier Autor tätig und veröffentlichte zahlreiche Artikel und Bücher. 2000 war er Mitbegründer von Attac Österreich, 2010 initiierte er zusammen mit einer Gruppe von Unternehmern die inzwischen international agierende Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung.

www.christian-felber.at

Fotos: Günther Hartmann

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